Journalist werden: Man kann nicht zu viele Praktika machen

Anja liebt Texte über Gefühle und das Erwachsenwerden. Auch einen Jugendroman hat die Münchnerin schon geschrieben. Jetzt arbeitet sie als freie Journalistin. Uns hat sie erzählt, warum sie für einen perfekten Arbeitstag manchmal einen langen Spaziergang, eine Jogginghose und absolute Stille braucht.

Du arbeitest als freie Journalistin. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe mit 19 neben meinem Studium angefangen bei “Zeitjung.de”, einem jungen Onlinemagazin, zu arbeiten. Damals wusste ich noch gar nicht so recht, was ich journalistisch machen wollte, bis dahin hatte ich vor allem für mich selbst Prosa und Kurzgeschichten geschrieben. Wir haben dann aber recht schnell Formate für mich gefunden – vor allem Kolumnen, über Liebe, Gefühle und über das Erwachsenwerden.

In meinen Semesterferien habe ich Praktika gemacht – bei “jetzt.de”, “Nido”, “Neon” und danach durfte ich in den Redaktionen auch jeweils weiterhin als Freie Mitarbeiterin Themen vorschlagen. Während des Studiums habe ich außerdem für das Münchner Feuilleton geschrieben, meinen Jugendroman veröffentlicht und mit der Illustratorin Kera Till an einem München-Stadtführer für Frauen gearbeitet.

Dann kam ein Volontariat beim Burda Verlag und damit auch eine 40-Stunden-Woche. Seit ich mit dem Volo fertig bin, arbeite ich in Teilzeit bei “Utopia”, einer Website für Nachhaltigkeit und die restliche Zeit als Freie. Das ist für mich im Moment perfekt, weil ich mir noch nicht zutraue, mich ganz selbstständig zu machen, ich aber trotzdem genug Zeit und Raum für andere Arbeiten habe. Und ab Frühling nächsten Jahres wird ein neues, spannendes Projekt dazukommen.

Für welche Titel arbeitest du?

Im Moment vor allem für “jetzt.de”, “Mit Vergnügen” und gerade habe ich meinen ersten Text für “bento”, das Nachrichtenportal für junge Leute vom Spiegel machen dürfen. Letztes Jahr habe ich eine Reportage über minderjährige Flüchtlinge für die “Glamour” geschrieben. Ab und an führe ich Interviews für “FreundevonFreunden”.

Ich mache aber auch weniger ruhmreiche Dinge – letztens habe ich zum Beispiel für ein Corporate Publishing Magazin eine Glosse über das Thema Sauberkeit in deutschen Haushalten geschrieben. Das ist jetzt nicht besonders cool, aber ich habe wahnsinnig viel gelernt über einen Themenbereich, mit dem ich mich sonst nicht beschäftigt hätte. Das finde ich sehr wichtig, wenn man journalistisch arbeitet: Dass man nicht aufhört über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Welche Vorteile und Nachteile hat es als Freie Mitarbeiterin zu arbeiten?

Die Vorteile: Ich kann von zu Hause aus und alleine arbeiten, dafür muss man aber auf jeden Fall der Typ sein. Ich bin sehr lärmempfindlich. Großraumbüros sind mein Horror. Zuhause kann ich genauso arbeiten, wie ich möchte – auch mal in Jogginghose und totaler Stille. Ich bin frei, im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn ich merke, gerade geht nichts mehr, spaziere ich eine halbe Stunde an der Isar – das geht als festangestellte Redakteurin oft nicht so leicht. Ein weiterer Vorteil: Man ist nicht an ein Magazin gebunden. Das heißt, die Frustrationstoleranz ist auch größer, wenn etwas einmal nicht klappt. Dann schlägt man das Thema eben woanders vor. Das beobachte ich oft in Redaktionen – wie schnell es da zu Frust, Neid und schlechter Stimmung untereinander kommt, ganz einfach, weil es die einzige Anlaufstelle ist, die man beruflich hat. Wenn da dann etwas nicht klappt oder jemand anderes die Titelgeschichte bekommt, ist man schneller mal beleidigt oder eifersüchtig.

Die Nachteile: Jeden Tag zuhause arbeiten könnte ich nicht, ab und an brauche ich Menschen um mich herum. Das lerne ich gerade bei “Utopia” wieder zu schätzen, wie wichtig es ist, tolle Kollegen zu haben und in einem sympatischen Team arbeiten zu dürfen. Zudem muss man als Freie wahnsinnig ambitioniert sein, ständig Themen an Redaktionen zu schicken, um am Ball zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten. Da müsste ich auf jeden Fall viel mehr tun.

Was sollte man unbedingt beachten, bevor man sich selbstständig macht?

Zuerst einmal ist es wichtig, schon ein paar Kontakte zu haben, Ansprechpartner in verschiedene Redaktionen. Dann ist es, glaube ich, nicht verkehrt, wenn man schon einmal in einer Redaktion gearbeitet hat – einfach um zu sehen, wie es da so abläuft. Dass man sich nicht entmutigen lassen darf, wenn auf eine Mail einmal keine Antwort kommt. Da ja immer weniger Redakteure angestellt werden, haben die wenigen, die noch fest da sind, so viel zu tun, dass eine Mail schon einmal untergehen kann. Das kann man schnell persönlich nehmen, wenn man den Alltag in Redaktionen nicht kennt. Und man sollte sich auch ein bisschen selbst einschätzen können, ob man sich motivieren kann, ob man auch wirklich arbeitet, wenn man um 9 Uhr nirgendswo sein muss.

Du hast einige Praktika gemacht. Kann man auch zu viele Praktika machen?

Nein, ich glaube nicht, dass man zu viele Praktika machen kann. Ich habe vor meinem Volontariat sechs Praktika gemacht und bereue keines davon – auch wenn nicht alle toll waren. Praktika sind die einfachste Möglichkeit, um eine Redaktion, deren Arbeitsweise und das Themenfeld genauer kennenzulernen. Ich habe auch ein Praktikum gemacht, in dem ich recht schnell gemerkt habe, dass das gar nicht passt.

Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis – dass man herausfindet, welche Themen einem vielleicht weniger liegen und welches Arbeitsklima man sich nicht wünscht. Aber man sollte unbedingt darauf achten, dass man bezahlt wird. Ich finde es immer noch unverschämt, dass einige Redaktionen erwarten, dass man umsonst arbeitet. Vor allem dann, wenn große Verlage dahinterstehen, in denen Chefredakteure immense Gehälter, Autos und First-Class-Flüge bekommen. Da wird dann meiner Meinung nach an den falschen Ecken gespart.

© Anja Schauberger, Peter Wolf

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Über die Autorin:

Dieses Interview führte Sophie Sonnenberger auf ihrem Blog „zum Interview bitte!“. Auf dem Karriere-Blog finden angehende Journalisten Karriere-Tipps von Redakteuren.

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Wenn Sophie nicht gerade Journalisten interviewt, absolviert sie ihr Volontariat an der Burda-Journalistenschule.

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