Shitstorm, was tun? Wie sich Vanessa gegen die Wut des Netzes wehrte

Stell dir vor schreibst etwas auf Twitter und nur wenige Zeit später bekommst du die geballte Wut des Internets zu spüren. Der Bloggerin Vanessa Vu ist genau das passiert. Sie äußerte sich auf Twitter zu den Übergriffen der Silvesternacht in Köln. Wenige Zeit später explodierte ihr Account und sie erhielt hunderte Hass-Kommentare von vorwiegend englischsprachigen Trollen. Wie sie damit umging, hat sie uns im Interview verraten.

Auf deinem Blog äußerst du dich seit einigen Jahren zu politischen Themen und kommentierst das aktuelle Tagesgeschehen.  Ein einzelner Post auf Twitter hat dich Anfang des Jahres zum Opfer eines Shitstorms gemacht. Worum ging es dabei?

Kurz nach Silvester haben sich relativ viele zu den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof via Twitter geäußert. Ich habe allerdings auf englisch getwittert, weil ich das Gefühl hatte, dass sich der englischsprachige Diskurs sehr darauf verfestigt hatte, dass Flüchtlinge in Deutschland gerade haufenweise Frauen vergewaltigen. Die BBC hatte als eine der ersten berichtet, dass die Täter angeblich Flüchtlinge waren. In Deutschland wurde diese Information noch gar nicht herausgegeben und stellte sich später auch als falsch heraus.

In dieser Zeit wurden sehr viele Tweets abgesetzt. Wieso wurdest ausgerechnet du zum Ziel dieser Trolle?

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie so viele Leute auf mich gekommen sind. In meinem Tweet war nicht einmal ein Hashtag dabei. Vermutlich wurde man jedoch über die britische Journalistin und Netzfeministin Laurie Penny auf mich aufmerksam, die hatte ich nämlich in dem Post markiert.

Wie waren die Reaktionen auf deinen Tweet?

Ich habe auf einmal locker tausend Antworten auf meinen Tweet bekommen. Dass eine Asiatin sich zu diesem Thema äußert und den Deutschen den Diskus über Sexismus und Rassismus „erklärt“, hat anscheinend sehr viele Menschen provoziert. Die Reaktionen waren aber keine sachlichen Meinungsäußerungen, sondern vor allem persönliche Angriffe. Schnell wurde sich vor allem darüber aufgeregt, dass ich als Asiatin eine Meinung zu diesem Thema habe.

Wie hast du darauf reagiert?

Ich glaube, ich habe mich davon ein bisschen zu sehr provozieren lassen. Anstatt das zu ignorieren habe ich mich gewehrt und geantwortet: „For the record: I am German“.

Das rief eine noch größere Empörungswelle hervor. Darauf haben wieder hunderte Leute geantwortet: „Nein, du bist nicht Deutsch!“. Das waren zum Teil besserwisserische Kommentare (Du hast zwar einen deutschen Pass, bist aber vietnamesischer Herkunft) aber auch sehr aggressive Kommentare wie “Schade, dass deine Eltern nicht napalmt wurden“.

Hattest du zu irgendeinem Zeitpunkt einmal Angst?

Nur kurz, als es irgendwann wieder um den Kölner Hauptbahnhof ging. In ein paar Tweets hieß es: „Bald kannst du auch nicht mehr alleine über die Straße gehen“. Ob das als direkte Drohung gemeint war oder ob das auf die Übergriffe an Silvester bezogen war, weiß ich nicht. Aber das habe ich dann auch recht schnell wieder verdrängt – es waren einfach zu viele Kommentare.

Irgendwann ging es dann auch so drunter und drüber, dass mein Handy nicht mehr still stand. Da musste ich erst einmal die Benachrichtigungen ausschalten, weil die einfach zu viel wurden. Bei mir hat sich dann aber relativ schnell eine Trotzreaktion eingestellt. Ich wollte mich nicht einschüchtern lassen.

Wer waren diese Leute, die dich auf Twitter angegriffen haben?

Das waren anfangs vor allem englischsprachige Menschen, später kamen auch deutsche Kommentare. Viele waren nicht unter ihrem Klarnamen auf Twitter unterwegs. Die Profilbilder waren aber recht lustig. Da waren sehr viele Wikinger, griechische Statuen oder Südstaatenflaggen zu sehen. Irgendwann habe ich diese Leute jedoch nicht mehr weiterverfolgt, sondern sie nur noch blockiert. Zuallererst habe ich allerdings Screenshots von einigen Kommentaren gemacht, denn ich wollte das ganze nicht unkommentiert lassen.

Wie hast du dich gegen diese Trolle gewehrt?

Sehr gewaltvolle Inhalte habe ich Twitter gemeldet, aber denen waren die Vorwürfe nicht schwerwiegend genug.  Also habe ich die Screenshots genutzt und einen ausführlichen Blogpost zu diesem Thema geschrieben. Den habe ich allerdings nicht mehr auf Twitter geteilt, um die Debatte nicht noch einmal neu anzuheizen.  Rückblickend finde ich das nicht gut, denn Leute sollten nicht mundtot gemacht werden, nur weil sie ihre Meinung teilen. Und das haben sie bei mir geschafft, weil ich unmittelbar danach keine Lust mehr hatte, meine Meinung öffentlich zu machen.

Glaubst du, dass alle Journalisten, die sich kritisch zu einem Thema äußern, Angst davor haben müssen, Opfer eines solchen Shitstorms zu werden? 

Vermutlich geht das allen Menschen so, die sich kritisch äußern. Es gibt aber auch eine Studie, die aussagt, dass das vor allem Menschen mit Migrationshintergrund  und Frauen passiert. Kurz vorher habe ich erst gelesen, dass die Meinung der Frau der Minirock des Internets wäre. Manche behaupten ja: Wenn Frauen einen Minirock tragen, sind sie selbst dran Schuld, wenn sie vergewaltigt werden. Wenn sie ihre Meinung frei im Internet äußern, sind sie demnach auch selbst Schuld, wenn sie Opfer eines Shitstorms werden.

Wie kann man also im Internet mit Hatern umgehen?

Klar kann man sie ignorieren und versuchen das einfach an sich vorbeirauschen zu lassen. Man kann diese Kommentare jedoch auch öffentlich machen. Das finde ich persönlich sehr interessant, weil es allen anderen zeigt, was da gerade passiert.

Wenn es zu schlimm und aggressiv wird, kann man natürlich auch immer zur Polizei gehen und das melden. Doch ich finde, dass es nicht nur die Aufgabe der Opfer ist, sich zu wehren und das zu melden. Wenn dem Staat wichtig ist, dass seine Bürger ihre Meinung frei äußern, dann sollte er sie schützen, wenn sie das tun. Das Internet sollte kein rechtsfreier Raum sein. Auf der Straße darf auch keiner verprügelt werden, nur weil er seine Meinung gesagt hat. Das gleiche sollte auch für das Internet gelten.

Bilder: © Vanessa Vu, Lisa Meyer

Das könnte dich auch interessieren:

Die wichtigsten Fakten über die 3 Top-Journalistenschulen

/
Dein Ziel ist der Journalismus, aber du weißt nicht, wie du den Einstieg schaffst? Wir stellen kurz und knapp die renommiertesten Journalistenschulen Deutschlands vor.

Interview-Tipps: So bereitest du dich vor und führst das Gespräch

/
Die hohe Kunst des Interviews – wir zeigen, wie dabei alles rund läuft.

Über Vanessa Vu:

Vanessa Vu hat an der Ludwig-Maximilians-Universität ihren Bachelor in Ethnologie und Völkerrecht gemacht. Für den Master verschlug es sie nach London, wo sie Südostasien Studien mit Schwerpunkt auf Ethnizität und Konflikt studierte. Nach verschiedenen Praktika und freien Mitarbeiten in der Medienbrache macht sie inzwischen den Journalismus Master an der Deutschen Journalisten Schule.  Auf ihrem Blog Philopraphie schreibt Vanessa über aktuelle Geschehnisse und politische Entwicklungen.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.